Seliger: „Zukunft gehört den Independents“

Die Musikbranche diskutiert über die Gründe der diesjährigen Popkomm-Absage – nicht nur Ende Juni auf der Bundesfachkonferenz der Initiative Musik in Warnemünde. Jetzt meldet sich auch der Konzertveranstalter Berthold Seliger zu Wort. In der „Berliner Zeitung“  schreibt er ein paar harte, aber wahre Worte, die wir nur unterstreichen können:  Eine Nabelschau der Musikindustrie braucht kein Mensch. Produktive Ergebnisse oder erfolgsversprechende Neukontakte hat die Musikmesse auch uns selten eingebracht. Von daher waren wir schon seit 2000 weder in Köln, noch später in Berlin. Musikwoche.de fasst Seligers Nachruf zusammen:

In einem Beitrag für die „Berliner Zeitung“ mit dem Titel „Nachruf auf eine Funktionärsmesse“ kommentiert Konzertveranstalter Berthold Seliger die diesjährige Absage der Popkomm als „logisch“.  „Die Popkomm war überflüssig, und sie wird immer überflüssig sein. Egal, ob sie in Köln oder Berlin stattfindet, egal, welcher Regierungschef die Tonträgerindustrie unterstützt, egal, wer jetzt Krokodilstränen weint. Die Sachlage ist einfach: die Tourneeveranstalter, Agenten und Festivalbetreiber gehen nach London zur ILMC, die Tonträgerfirmen und Verlage gehen, solange das Geld reicht, noch zur Midem nach Cannes, und wer Neues entdecken will, geht zur Womex oder nach Austin/Texas zur SXSW“, schreibt Seliger.

Die Popkomm ist seiner Ansicht nach eine „teure Bauchnabelschau mit Dauerparty“, die die Branche nicht mehr bezahlen könne, seit sich die Umsätze der Tonträgerindustrie im freien Fall befinden. „In den letzten Jahren erlebte man leere Messehallen, kaum internationale Besucher, ein provinzielles Konferenzprogramm“ bilanziert der in der Hauptstadt ansässige Konzertagenturchef. Auch von der geplanten Ersatzveranstaltung in Berlin hält er wenig: „Ob nun ausgerechnet die Initiative um Pop-Faktotum, Rammstein-Entdecker und Multiunternehmer Tim Renner und das hochsubventionierte ‚Radialsystem‘ in der Lage ist, eine ‚Graswurzel-Popkomm‘ aus dem Boden zu stampfen, muss bezweifelt werden. Wenn die Branche einen Treff in Berlin braucht, wäre es eine moderne Neuauflage der Berlin Independent Days, ohne Pop-Funktionäre, Staat und Showcase-Mittelmaß. Danach sieht es nicht aus: Wo Funktionäre herrschen, ist Mittelmaß Gesetz.“

Seliger sieht auch die Begründung der Popkommabsage durch Prof. Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, als unglaubwürdig, wonach sich viele Unternehmen es sich „wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten“ könnten, an der Messe teilzunehmen. „Keine Rede davon, dass die Branche bei der Entwicklung digitaler Tonträger alles verschlafen hat – von der Erweiterung der Vertriebswege bis zur Erneuerung des Urheberrechts“, wendet Berthold Seliger ein. „Außerdem weist selbst der Bundesverband Musikindustrie in seinem Jahreswirtschaftsbericht darauf hin, dass illegale Downloads und der Absatz von CD-Rohlingen stark rückläufig sind: Von 2003 bis 2007 hat sich die Zahl illegaler Downloads von 602 auf 312 Millionen fast halbiert, obwohl es drei mal so viele DSL-Zugänge gibt, heißt es dort. Die Tonträgerkonzerne erwirtschaften längst mehr als jeden fünften Euro im Internet, 2007 weltweit 3,7 Milliarden Dollar, wobei der Umsatz allein von 2007 auf 2008 um ein Drittel stieg.“

Zudem sei es unklar, woher der Bundesverband genaue Zahlen illegaler Downloads wissen könne. Seliger weiter: „Und nicht jeder Rohling wird zum ‚Schwarzbrennen‘ von Musik genutzt. Es gehört Chuzpe dazu, von der Politik dennoch protektionistische Gesetze zu verlangen. Gornys Konzept ist es, der Politik seine Forderungen stetig einzuhämmern: Der tausendfach verbreitete Unsinn wird schon irgendwann hängenbleiben. Unter diesem Motto unternahmen Gorny & Co. schon Kriminalisierungsversuche der Kunden durch ihre fragwürdige ‚Copy kills music‘-Kampagne und forderten scharfe Gesetze zur Diebstahl-Abwehr im Internet. Vorbild ist die Netzsperre für einzelne Musik-Piraten in Frankreich – ein Gesetz, das dort gerade vom Verfassungsgericht kassiert wurde, weil es gegen das Grundrecht auf Informationsfreiheit verstößt.“

Der für deutliche Worte bekannte Seliger sieht das Geschäftsmodell der Tonträgerindustrie als „überlebt und so siech wie den Quelle-Katalog. Der Daseinszweck der Tonträgerindustrie war es, Musikaufnahmen zu finanzieren, zu kopieren und zu vertreiben. Alle drei Aufgaben sind mittlerweile obsolet: Mittlerweile beherrschen die Künstler die Produktionsmittel, und in Zeiten von Internet ist es leicht, direkten Kontakt zwischen Künstler und Publikum herzustellen. Nicht nur Radiohead verkaufen so ihre Musik. Und da die ‚kulturveräußernde‘ Tonträgerindustrie nie ernsthaft an der Entdeckung und Förderung guter neuer Musik interessiert war, hat sie ihre Existenzberechtigung verloren.“ Die Zukunft gehöre „den ehrenwerten Independent-Firmen, bei denen Musikliebhaber arbeiten, und die genau deshalb und wegen ihres Vertrauensverhältnisses zu ihren Künstlern auch überleben werden, wenn auch mit verändertem Geschäftsmodell.“

Die Tonträgerindustrie aber habe nun das Urheberrecht als Betätigungsfeld entdeckt. „Sie behauptet, damit den Künstlern zu nützen – das Gegenteil ist der Fall. Die wenigsten Künstler haben etwas von den GEMA-Gebühren, die Veranstalter für ihre Konzerte bezahlen.“ Das Urheberrecht sei zum „Kampfbegriff der Verwertungsindustrie“ geworden. „Musik aber gab es schon vor der Gründung von Plattenfirmen und der GEMA, und Musik wird es auch nach dem Untergang der Tonträgerindustrie geben“, bekräftigt Bertold Seliger. „Es ist in der Menschheitsgeschichte eine anerkannte Kunstform, Werke nachzuahmen, zu kopieren und weiterzuentwickeln. Warum sollte die Politik ausgerechnet in Zeiten der Digitalisierung einer relativ kleinen Industriesparte die Legitimität eines anachronistischen Systems verschaffen?“, fragt der Veranstalter.

Quelle: musikwoche.de vom 06. Juli 2009

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