Der Weg ist das Ziel

Noah Fischer ist Saxofonist und spielt u.a. mit Udo Lindenberg und Yello. Jetzt wurde er in das Kuratorium der Udo Lindenberg Stiftung gewählt. Als musikalischer Leiter von „Hinterm Horizont macht Schule, hat er deren Arbeit schon seit 2012 prägend mitgestaltet. Anläßlich seiner Wahl, hat Arno Köster mit Noah Fischer gesprochen.

A: Was ist für Dich das besondere am Projekt „Hinterm Horizont macht Schule“ ?

„Da kommt vieles zusammen. Allem voran die persönliche Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen Werte zu vermitteln! Die Kids zu inspirieren, ihre Persönlichkeit mitzuentwickeln. Und dann der Inhalt, den das Stück erzählt! Das Land, die Demokratie und die Freiheit, in der wir leben, sollten wir schützen. Es war ja nicht immer so. „Hinterm Horizont“, die Geschichte von Udo, verbunden mit der deutsch-deutschen Vergangenheit, ist ein toller Stoff, um diese Werte unseren Kids zu vermitteln. Es ist irre festzustellen, wie weit das nach 30 Jahren für viele schon weg ist. Deshalb finde ich es total wichtig, dass wir unsere Geschichte unseren Kindern, die unsere Zukunft sind, auf eine sehr coole Art zeigen. Aber immer auch verbunden mit dem Jetzt ! Was macht das heute mit uns? Wie kann ich selbst meine und unsere Zukunft gestalten. Mir geht jedes Mal das Herz auf, nach einem Jahr zu sehen, was erreicht wurde. Dann schauen wir zurück und sehen, wo sie gestartet sind und was sie in dieser Zeit für sich und gemeinsam erreicht haben, weil wir ihnen Aufmerksamkeit und Power geben und zuhören. Für die meisten Teilnehmer*innen ist das nicht immer der Normalzustand. Wir erkennen die Talente und fördern sie. Mit Udos persönlicher Liebesgeschichte zwischen Ost und West, der Musik und deren Emotion, kann man so viel erreichen. Für mich ist es ein richtig wichtiges Ding. Da gebe ich gerne meine volle Energie rein.“

Kann so etwas wie Musik, Tanz, Schauspiel, oder auch die spielerische Beschäftigung mit deutsch-deutscher Geschichte in den Köpfen der Schüler*innen etwas bewirken, oder machen sie einfach mit, weil sie müssen ?

„Keiner MUSS hier mitmachen! …und ja das bewirkt extrem viel. Wir haben ein einzigartiges Projekt. Anfangs ist es erst mal vielleicht noch nicht so greifbar, sowohl für die Lehrer*innen als auch für die Schüler*innen. Eine gewisse Skepsis haben wir ja alle ein bisschen im System. Man muss offen sein, neugierig bleiben, Entdecker sein, dann kommt das schon (lächelt). Für die Beteiligten ist es dann doch schnell spannend, zu sehen, was in dieser Geschichte steckt. Das wird dann bei den Kids auch intensiv zum Thema. Innerhalb eines Jahres gibt es verschiedene Phasen, in denen alle mit ihren Stärken, aber auch Schwächen konfrontiert sind und oft würde man ja lieber bequem sein und aufgeben, als durch etwas durchzugehen. Genau da setzt unser Projekt an. Es ist ja auch später im Leben ganz wichtig, dass man es schafft seine Schwächen zu überwinden. Wenn die Kids das dann schaffen, haben sie ein Glücksgefühl und das potenziert sich am Schluß mitunter ins Unermessliche. Das nehmen sie in ihr ganzes Leben mit. Uns ist immer wichtig, dass wir nicht ein Jahr etwas machen und dann verschwunden sind, sondern dass es immer nachhaltig ist. Wir wollen ja gar nicht alle zu Künstlern, oder Musikern erziehen. Aber, man kann auf diese Art mit der künstlerischen und kreativen Auseinandersetzung in der Persönlichkeitsentwicklung der Kids ganz viel erreichen. Wenn du es zum ersten Mal im Leben geschafft hat, so eine Aufführung vor 800 Leuten zu performen, gehst du mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein in jedes Vorstellungsgespräch, in jede Diskussion, oder in sämtlich Bereiche des Lebens.“

Was war für Dich der größte persönliche Erfolg bei diesem Projekt ?

„Das ist eine super, super schwere Frage, weil es diesen einen Moment nicht gibt. Es gibt viele Erfolge, sage ich mal. Jedes Projekt und jedes Umfeld ist ja auch immer wieder neu. Mir fällt eine Geschichte aus Greifswald ein, die mich sehr berührt hat. Hier hatten wir ein Mädchen als „Udo“ besetzt und viele haben ihr diese Hauptrolle nicht zugetraut, nicht richtig an sie geglaubt, weil sie der Einschätzung nach, nicht zuverlässig sei, oder das nicht durchstehe, teilweise gemoppt werde, usw. Wie sie sich entwickelt hat, wie sie das am Schluss gerockt hat und was sie daraus für sich und das Leben mitgenommen hat, das war für mich ein Moment, der immer bleibt. Oder ich denke an Thüringen. Was wir da in dem großen deutschen Nationaltheater in Weimar als Kollektiv geschafft haben mit über hundert Kids auf und hinter der Bühne, die dreimal volles Haus (800 Zuschauer) gerockt haben, unfassbar. Das macht mich mega-glücklich und ein bisschen stolz. Manchmal bin ich vor den Aufführungen nervöser, als wenn ich selbst auf die Bühne gehe. Am Ende ist da ein starkes Glücksgefühl, weil wir sehen, wir konnten Ihnen so viel mitgeben. Das erlebe ich persönlich bei dem Projekt intensiver, als wenn ich selbst performen würde. Das ist unbeschreiblich… nicht in Worte zu fassen.“

Pforzheim Calw ist die Heimat der Lindenberg Stiftung, deshalb machen wir das Projekt aktuell zum ersten Mal im Westen. Die Gegend hat eine besondere Struktur, viele Migranten, Aussiedler und Geflüchtete. Pforzheim hat einen Ausländeranteil von offiziell knapp 30 Prozent (Stand 2019). Da kennt man nicht unbedingt Udo Lindenberg und die deutsche Geschichte. Umso schwieriger ist es hier aus Erzählungen von Eltern, Großeltern, oder Zeitzeugen zu schöpfen. Wie schaffen wir es diesen eigentlichen „Nachteil“ zu kompensieren?

„Das ist ganz spannend. Ich komme ja selbst aus Baden Württemberg. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, weiß ich, dass die Teilung für mich als Kind unendlich weit weg war in Sigmaringen. Da hat mich die Schule nicht richtig ins Thema gebracht. Das stand alles in Geschichtsbüchern, aber was das für dein eigenes Leben bedeutet, ist mir erst sehr viel später bewusst geworden. Als Kind nimmst Du hin, dass es verschiedene Länder gibt und damals eben, dass es normal ist mit der Teilung. Geschichtsvermittlung muss einen so abholen, dass man Dinge auch versteht, fühlt, warum sie jetzt so sind, wie sie sind. Die Wiedervereinigung ist 30 Jahre her und damit für die Kids ganz weit weg. Dazu kommt der hohe Ausländeranteil. Hier wollen wir den Bezug herstellen, nicht den direkten auf Deutschland bezogenen, weil sie nicht hier herkommen, aber jetzt hier leben. Aber, einige sind auch hier, weil sie ihre Heimat verlassen haben, weil es dort keine guten Zustände mehr gab. Alles Facetten, die das Leben so hergibt. Sie, oder ihre Eltern wissen selbst, was es heißt verfolgt zu sein, oder in einem Land mit Geheimdiensten zu leben. Das kennen sie auf eine andere Art. Mit dem Projekt können wir vermitteln, dass auch Deutschland nicht immer dieses freie Land war, sondern, dass es Parallelen gibt. Da ist die Thematik plötzlich doch ganz nah“

Noah Fischer beim Coaching im Oktober 2020 in Pforzheim

Demokratievermittlung ist ein weiteres Ziel von „Hinterm Horizont macht Schule“, dass es eben nicht selbstverständlich ist, frei zu leben. Das gilt ja für beide Seiten. Für die, die hier groß geworden sind, aber eben auch die Migranten.

„Da sind die Generationen ja schon weiter, auch bei den Migranten. Viele werden hier groß und haben ihr Land vielleicht nur als Kleinkind erlebt. Auch da setzen wir an, führen manchmal Gespräche mit den Eltern und erfahren dabei ganz viel. Im Osten war es oft so, dass in den Familien wieder Kommunikation stattfand, Austausch über die Generationen hinweg. Jetzt in Pforzheim werden dann auf einmal Fragen gestellt, warum die Eltern ihre Heimat verlassen haben. Da merkst Du, dass schon jetzt eine Menge passiert, weil vielleicht solche Auseinandersetzungen bisher gar nicht stattgefunden haben. Das alles ist das Projekt“

Als wir mit den Jugendlichen aus Pforzheim und Calw in Leipzig waren, passierte auch so etwas. Im Stasimuseum waren es vor allem Flüchtlingskinder, die ganz aufmerksam zugehört haben. Grenzen, Zäune kennen sie aus eigenem Erleben. Das sind die berührenden – ich nenne sie mal – „politische“ Momente. Was sind denn Deine künstlerischen?

„Ich bekomme jedes mal viele Kicks. Wir sagen immer „der Weg ist das Ziel“. Das ist der wichtigste Leitsatz des Projekts. Am Schluß hatten wir immer phantastische Aufführungen und wir steigern uns jedesmal, bespielen am Ende professionell große Theater. Da wollen wir immer wieder hin, aber das darf nicht über allem stehen. Jeder Moment in der Vorbereitung ist wichtig für die Kids. Jedes mal, wenn wir da sind, gilt es das Maß zu finden. Wann ist Musik wichtig, wann ist Zuhören wichtig. Wir müssen sensibel erkennen, wo es Konflikte gibt, jemand Zuspruch, oder manchmal auch Strenge braucht. Das fördert Entwicklung. Wenn ich dann sehe, wie es auch künstlerisch weitergeht, sie toll singen, eine andere Haltung entwickeln, ist das Freude pur und für mich das Herz von „Hinterm Horizont macht Schule“. Wenn dann am Ende alles super zusammenkommt, sind das die Gänsehautmomente, für die wir das Projekt machen.“

Nach den Castings in Pforzheim Calw ging Corona los. Habt Ihr trotzdem weitergearbeitet ?

„Corona hat, wie überall, eine krasse Kerbe geschlagen. Wir sind top gestartet, mit Staffelübergabe in Weimar, was wir vorher noch nie hatten. Schön war dabei zu beobachten, wie die Kids aus Thüringen, ihre Nachfolger*innen aus Pforzheim und Calw ermutigt haben und gesagt haben, `das wird schon, am Punkt Null standen wir auch mal´. Mit diesem Gefühl sind wir dann in die Castings gegangen und haben da auch einen Bilderbuchstart hingelegt. Als wir begonnen haben konkret zu werden, indem wir Rollen und Bereiche verteilt haben, kam der Lockdown. Da wir an Schulen sind, wo es nicht normal ist, dass es zu Hause Computer, Tablets, Internetanschluss gibt, war Onlinearbeit also erstmal nicht möglich. Wir haben es dann aber doch geschafft, über Video-Coachings, die Schüler*innen zu erreichen und haben Konzepte entwickelt, wie wir sowohl Schauspiel, als auch Gesang auf diese Art vermitteln können. Da haben wir viel erreicht. Es war auch den Kids sehr wichtig, dass es weitergeht, sie hatten Angst, dass wir abbrechen müssen.“

Mit Regisseurin Elisabeth Engstler im Dezember 2020

Aber es ist ja dennoch etwas anderes, wenn man sich face to face gegenübersteht und als Coach auch auf Regungen eingehen kann. Wie ist es zu schaffen, diese so wichtige menschliche Komponente mit einzubringen ?

„Ja, das ist zu schaffen. Für uns ist es entscheidend, dass wir für die Kids da sind, wenn auch erstmal mit digitalen Hilfsmitteln. Noch wichtiger wird da der Satz. „Der Weg ist das Ziel“, wobei das Ziel diesmal sicherlich ein anderes ist. Im Moment können noch nicht mal Profis eine normale Aufführung machen. Wir werden jetzt, solange es nur so machbar ist, die Schulen erst mal getrennt coachen, immer auch mit dem Ziel, das hinterher zusammenzuführen, wenn wir das wieder dürfen. Aber, bis dahin müssen wir isolierter arbeiten und versuchen da natürlich auch so viel Vibes und Gruppenconnections wie möglich zu schaffen. Wir sind jetzt eben immer an jeder der drei Schulen getrennt und stellen dort einzelne Teams zusammen, sodass wir da sind, wenn wir alles zusammenbauen dürfen. Auch in diesem Fall darf das Licht nicht auf die Probleme leuchten, sondern auf die Lösung. Es geht immer darum Lösungen zu finden …“

… wie im Leben …

„ … wir geben jetzt auf jeden Fall eher noch mehr Power in das Projekt, sodass sie ihre Entwicklung machen können. Wir werden auf jeden Fall drauf hinarbeiten, dass sie auch einen phantastischen Abschluss haben werden. Es wird ein anderes Ergebnis werden, aber dennoch ein fantastisches.“

Mit Arno Köster bei einer Lesung 2019 in Mannheim

Weiterlesen:

Noah Fischer über Kenia, seine Musik und Motivation im ausführlichen Interview.

Foto oben: © Rüdiger Knuth. Fotos im Beitrag: (ak), Peter Roth, Tine Acke.

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